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FEATURE-Leben in ständiger Angst - Syrische Flüchtlinge in Jordanien
February 27, 2017 / 10:48 AM / 7 months ago

FEATURE-Leben in ständiger Angst - Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Syrian refugees ride bicycles during rainy weather at the Al Zaatari refugee camp in the Jordanian city of Mafraq, near the border with Syria December 18, 2016. REUTERS/Muhammad Hamed

Amman (Reuters) - Mitten in der Nacht schleicht sich die 33-jährige Nagham mit ihren drei jungen Söhnen aus dem jordanischen Flüchtlingslager.

Vor der Familie liegt ein langer Fußmarsch in der Dunkelheit. Erst im Morgengrauen erreichen sie Amman, die Hauptstadt Jordaniens. Doch für Nagham, die mit ihrer Familie früher in der nun umkämpften syrischen Stadt Homs wohnte, hat sich der beschwerliche Weg gelohnt. “Ich fühlte mich endlich sicher”, sagt die junge Frau. Im jordanischen Flüchtlingslager sei das nicht der Fall gewesen. Hier habe sie unter ständiger Angst gelebt. Es habe keine Privatsphäre gegeben. “Im Flüchtlingslager kann jederzeit jeder hereinkommen und dir alles antun”, sagt Nagham, deren Mann gar nicht erst über die jordanische Grenze gelassen wurde und in Syrien zurückbleiben musste.

Amnesty International hat in seinem gerade veröffentlichten Jahresbericht zur Lage der Menschenrechte in der Welt auf die desolaten Zustände der syrischen Flüchtlinge in Jordanien aufmerksam gemacht. Um die 75.000 syrischen Flüchtlinge seien demnach im Berm-Wüstengebiet gestrandet, einem Niemandsland zwischen Jordanien und Syrien. Die Menschen dort leben in Zelten, Lebensmittel sind knapp. Sandstürme und sengende Hitze setzen ihnen weiter zu. Den allermeisten verweigert Jordanien die Einreise.

Die Behörden dort sagen, die Sicherheitsbedenken seien zu groß. Gerade mal 12.000 Flüchtlinge wurden 2016 laut Amnesty offiziell ins Land gelassen – wo sie in dem umzäunten Asrak-Flüchtlingslager östlich von Amman leben. Seit einem Selbstmordanschlag im Juni vergangenen Jahres unweit eines Flüchtlingslagers nahe der syrisch-jordanischen Grenze hat sich die Situation sogar noch weiter zugespitzt. Danach schlossen jordanische Einsatzkräfte die Grenze zu Syrien. Seitdem sind die Flüchtlinge im Berm-Gebiet von vielen zuvor regulären Hilfslieferungen abgeschnitten.

“ICH WEISS, DASS WIR ETWAS FALSCHES TUN”

So verständlich die Flucht aus dem Lager für Nagham auch ist – sie kann weitreichende Konsequenzen haben. Denn Flüchtlinge, die die offiziellen Lager verlassen oder sich nicht registrieren, verlieren in Jordanien ihr Recht auf humanitäre Hilfe und können abgeschoben werden. Entweder geht es dann zurück in die beengten Flüchtlingslager oder im schlimmsten Fall sogar zurück nach Syrien, wie Menschenrechtsgruppen vermelden.

Jordanien ist zwar kein Mitglied der Genfer Flüchtlingskonvention, hält sich nach eigenen Angaben aber an das Völkerrecht. Demnach sollten Flüchtlinge nicht in Gebiete abgeschoben werden, in denen ihnen Gewalt und Verfolgung drohen. Die Praxis in Jordanien scheint jedoch anders zu sein. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vermeldet Abschiebungen seit 2014. “Vermutlich wurden es mehr seit dem Anschlag im Juni 2016”, sagt Adam Coogle, Rechercheur von Human Rights Watch in Jordanien.

Naghams Flucht ist schon knapp zwei Jahre her. Seitdem lebt sie vollkommen zurückgezogen mit ihren drei zehn-, zwölf- und 14-jährigen Söhnen in einer kleinen Wohnung in einem östlichen Viertel Ammans, in dem hauptsächlich arme palästinensische Flüchtlinge wohnen. Sie verlässt die Wohnung nur selten, zu groß ist die Angst, aufzufallen und verhaftet zu werden. Auch ihren wirklichen Namen hält sie geheim. “Ich weiß, dass wir etwas Falsches tun und fühle mich immer beobachtet”, sagt sie.

Naghams Geschichte ist kein Einzelfall. Die jordanische Regierung verkündete unlängst, dass sich derzeit insgesamt 1,4 Millionen Flüchtlinge im Land befänden. Davon sind allerdings lediglich 633.000 beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert. Sie dürfen nicht legal arbeiten, 86 Prozent der Syrer in den Städten Jordaniens leben auch deswegen unter der Armutsgrenze. “Wenn man Menschen so isoliert, müssen sie etwas tun, um zu überleben”, sagt Matteo Paoltroni, Mitarbeiter beim Europäischen Amt für humanitäre Hilfe (ECHO).

AUSBEUTUNG UND MISSBRAUCH

In illegalen Arbeitsverhältnissen sind die syrischen Flüchtlinge aber nicht vor Ausbeutung oder Missbrauch geschützt. Amnesty International beschreibt in seinem jüngsten Bericht, dass besonders weibliche Flüchtlinge in Jordanien oftmals Gewalt oder sexueller Ausbeutung in ihren Arbeitsverhältnissen ausgesetzt sind.

Verschiedene internationale Akteure und Menschrechtler forderten die jordanische Regierung bereits auf, die Arbeitsgesetze zu lockern, so dass Migranten legal in großen Industriebetrieben oder Firmen in der Nähe der Flüchtlingslager arbeiten dürfen. Bis zum Juli letzten Jahres wurden 20.000 Arbeitserlaubnisse an syrische Flüchtlinge verteilt, es sollen weitere Zehntausende folgen.

Naghams Söhne arbeiten ohne Erlaubnis in Amman. Mit ihren täglichen Jobs als Lieferjungen eines Gemüseladens sorgen sie für das Einkommen der Familie. Fair bezahlt werden sie nicht. Sie verdienen zusammen gerade genug, um die Miete für die Wohnung der Familie aufzubringen. Ansonsten leben auch die drei Jugendlichen weitgehend isoliert von der Gesellschaft. “Ich sage meinen Kindern, dass sie nicht mit zu vielen Menschen reden sollen”, erklärt Nagham. Diese Art zu leben ist für sie trotzdem besser, als die Alternative im Flüchtlingslager. “Wenn wir hier die Tür unserer Wohnung hinter uns schließen, haben wir unsere Privatsphäre. Wir fühlen uns sicher, auch wenn wir illegal hier sind.”

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