March 28, 2019 / 2:38 PM / 7 months ago

Gewinnschwund und Investitionsstau - Bahn in der Klemme

Berlin (Reuters) - Die Bahn gerät wegen sinkender Gewinne, milliardenschwerer Investitionen und wachsender Schulden immer stärker unter Druck.

- PHOTO TAKEN 06DEC05 - A night view shows the logo atop the headquarters of the of German rail operator Deutsche Bahn at Potsdamer Platz and the Reichstag (R), the seat of the German lower house of parliament Bundestag in Berlin December 6, 2005. [It was the worst of times last month for Berlin when Hamburg revealed it had spent five months secretely negotiating with German railways to lure away their corporate headquarters and up to 2,000 jobs to the northern port city]. Picture taken December 6, 2005.

In diesem Jahr werde das Betriebsergebnis weiter auf gut 1,9 Milliarden Euro abbröckeln, räumte Vorstandschef Richard Lutz am Donnerstag in Berlin ein. Dabei müsste eigentlich mehr Geld lockergemacht werden, um unter anderem die Pünktlichkeit der Züge zu verbessern. Trotz aller Probleme lege der Bahnverkehr zu, das verursache eben “Wachstumsschmerzen”, warb Lutz bei der Vorstellung der Jahresbilanz um Verständnis und versprach Besserung. “Den einen Hebel, den man umlegt, und schon wird die Bahn besser, den gibt es aber leider nicht.” 2018 war mehr als jeder vierte Fernzug verspätet. Um finanziellen Spielraum zu gewinnen, bereitet Lutz nun den Verkauf der Nahverkehrstochter Arriva vor.

Das stieß im Bundestag bei Grünen und Linken auf Zustimmung. Der Verkauf könne aber nur ein erster Schritt sein. “Auch von der gesamten internationalen Logistik jenseits der Schiene muss sich der Konzern so schnell wie möglich trennen”, forderte Linken-Expertin Sabine Leidig ebenso wie ihr Kollege Matthias Gastel von den Grünen. Die angespannte Lage der Bahn zeige zudem, dass es keinen fairen Wettbewerb mit Auto, Lkw und Flugzeug gebe, sagte er. Die Bundesregierung müsse daher steuerfreies Kerosin und Diesel-Subventionen abschaffen. Auch der Verkehrsclub Deutschland verlangt dies - und forderte im Gegenzug die Investitionen in das Schienennetz zu verdoppeln.

150 MILLIONEN PASSAGIERE IM FERNVERKEHR

2018 hatte die Bahn das mehrfach gesenkte Gewinnziel von 2,1 Milliarden Euro nur dank eines Ausgabenstopps knapp erreicht. Aber die brummende Weltkonjunktur und der wachsende Personenverkehr machten sich beim Umsatz des Staatskonzerns bemerkbar, der um drei Prozent auf gut 44 Milliarden Euro zulegte. Die Passagierrekorde im Fernverkehr werden allerdings mit zahlreichen Sonderangeboten erkauft. Mit erstmals über 150 Millionen Passagieren in IC und ICE rechnet die Bahn nun.

Gut lief auch die internationale Spedition Schenker sowie das Geschäft mit dem Schienennetz, das von der Nachfrage von Konkurrenzbahnen profitierte. Dagegen blieb die Güterbahn in der Krise und verdoppelte den Verlust auf fast 200 Millionen Euro, obwohl die Nachfrage der Wirtschaft auch hier hoch war. Bahnchef Lutz verwies unter anderem auf das Schienennetz, das immer stärker belastet werde. “Die Kapazität wird das zentrale Thema in den nächsten Jahren bleiben.” In den kommenden Jahren will der Bund jeweils eine Milliarde mehr als bisher in die Sanierung des Netzes investieren.

RAN ANS TAFELSILBER

Die eigenen Investitionen in Fahrzeuge oder in Personal - die Bahn will jährlich über 20.000 Mitarbeiter einstellen - kann sie aber nicht aus eigener Kraft stemmen. Nach Abzug von Steuern und Zinszahlungen auf die fast 20 Milliarden Euro Schulden blieb der Bahn 2018 vom Betriebsergebnis nur noch ein Nettogewinn von 542 Millionen Euro. Das reicht nicht einmal, um die Dividende von 650 Millionen Euro an den Bund zu zahlen. Zudem belastet die Bahn wie viele andere Konzerne die Niedrigzinsphase bei den Rückstellungen für Pensionen: Mehr als 800 Millionen Euro müssen mehr zurückgestellt werden, da die bisher kalkulierten Sätze für die Verzinsung zu hoch angesetzt werden.

Da der Bahn allein in diesem Jahr 2,2 Milliarden Euro fehlen, bereitet sie den Verkauf oder einen Börsengang der internationalen Nahverkehrstochter Arriva vor. “Wir gehen davon aus, dass wir das Projekt in diesem Jahr noch abschließen könnten”, sagte Finanzvorstand Alexander Doll. Eine Präferenz für Börsengang oder Verkauf wollte er nicht nennen. Doll verwies aber darauf, dass bei einem Komplettverkauf der Bahn sofort Geld zufließen würde. Lutz sagte, er gehe davon aus, dass man im Juli schlauer sein werde. Der Brexit beunruhige ihn dabei nicht.

Arriva hat seinen Sitz in Großbritannien und macht mit mehr als 50.000 Mitarbeitern über fünf Milliarden Euro Umsatz. Ein Schwerpunkt des Geschäfts liegt in Großbritannien und besonders im Londoner Nahverkehr. Das Unternehmen hat aber in ganz Europa im Bus und Bahnverkehr expandiert. 2018 fuhr Arriva einen Betriebsgewinn von 300 Millionen Euro ein, wie schon 2017. Auch in diesem Jahr wird mit keiner Steigerung gerechnet.

Die Bahn hatte das Unternehmen 2010 für insgesamt rund 2,7 Milliarden Euro gekauft. Experten schätzen den Wert auf um die vier Milliarden Euro, allerdings sind die Auswirkungen des Brexit ebenso ungewiss wie der Weg des Ausscheidens Großbritannien aus der EU selbst.

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