October 9, 2016 / 11:03 AM / 3 years ago

Mutmaßlicher Anschlagsplaner von Chemnitz auf der Flucht

- von Oliver Ellrodt und Sabine Siebold

German policemen clear the area of a controlled detonation of explosives at a housing area in the eastern city of Chemnitz on suspicion that a bomb attack was being planned in Germany, October 8, 2016. REUTERS/Fabrizio Bensch - RTSRDIR

Chemnitz (Reuters) - Nach dem Fund mehrerer hundert Gramm hochbrisanten Sprengstoffs in Chemnitz fahndet die Polizei fieberhaft nach dem mutmaßlichen Anschlagsplaner, einem 22-jährigen Syrer.

Eine Sprecherin des Landeskriminalamtes Sachsen bestätigte am Sonntag, dass der Mann den Ermittlern am Vortag nur knapp entwischte. Die Polizisten hätten den Verdächtigen gesehen, einen Warnschuss abgegeben und angenommen, dass der 22-Jährige in die Wohnung flüchtete, die ein Spezialeinsatzkommando später stürmte. Dort fanden die Beamten allerdings nur den Sprengstoff vor, den sie in der Nacht kontrolliert zur Detonation brachten. Am Sonntag weitete die Polizei die Ermittlungen auf einen zweiten Syrer aus, den Mieter der gestürmten Wohnung, der am Samstag festgenommen worden war. Zwei weitere Verdächtige wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der mutmaßliche Haupttäter habe sich am Samstagmorgen an der Tür des observierten Wohnblocks gezeigt, während die Polizei noch dessen Bewohner evakuierte und die Umgebung absperrte, sagte die stellvertretende LKA-Sprecherin Kathlen Zink. Die Sicherheitsmaßnahmen seien nötig gewesen, da die Ermittler Sprengstoff in dem mehrstöckigen Plattenbau vermuteten. Die Beamten hätten einen Warnschuss abgegeben und seien davon ausgegangen, dass der Verdächtige sich daraufhin zurück ins Haus geflüchtet habe. Unklar sei, ob der Mann zufällig an den Eingang gekommen sei oder durch die Vorbereitung der Razzia alarmiert wurde. “Aufgrund der starken Polizeipräsenz liegt der Verdacht nahe, dass er etwas mitbekommen hat”, sagte die Sprecherin.

Die Fahndung nach dem Flüchtigen lief nach Angaben des LKA auf Hochtouren. Auch die Sicherheitsbehörden im Ausland seien informiert. Der heute 22 Jahre alte Syrer halte sich seit 2015 in Deutschland auf und sei seit mehreren Monaten als Flüchtling anerkannt, erklärte LKA-Sprecher Tom Bernhardt. Er sei in der Vergangenheit nicht polizeilich auffällig geworden. “Wir müssen davon ausgehen, dass nach wie vor eine Gefahr von dieser Person ausgeht”, sagte der Sprecher. Die Polizei könne sich nicht hundertprozentig sicher sein, dass sie allen Sprengstoff in der Wohnung sichergestellt und vernichtet habe. Gegen beide Syrer wird nach Paragraf 89a Strafgesetzbuch wegen des Verdachts auf die Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Straftat ermittelt. Sollten sie verurteilt werden, droht ihnen eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Am Sonntagnachmittag meldete die Polizei einen weiteren Zugriff des Spezialeinsatzkommandos in Chemnitz. Es handle sich um eine Kontaktperson, des flüchtigen Verdächtigen. Details wurden nicht genannt.

SICHERHEITSBEHÖRDEN VERMUTEN ISLAMISTISCHEN HINTERGRUND

Unklar blieb zunächst, ob die Syrer Kontakt zu der Extremistenorganisation IS hatten. “Es deutet einiges auf einen islamistischen Hintergrund hin”, sagte ein Vertreter aus Sicherheitskreisen der Nachrichtenagentur Reuters. “Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es sich um den IS handelt - es kann auch ein Fall der Selbstradikalisierung über das Internet sein.” Die “Bild” berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise vorab aus ihrer Montagausgabe, der mutmaßliche Haupttäter sei möglicherweise vom IS ausgebildet worden. Bernhardt erklärte, die Polizei werde sich zur Motivation der beiden mutmaßlichen Täter erst dann äußern, wenn sie konkrete Fakten habe. Derzeit gingen die Ermittler zahlreichen Hinweisen nach. Auch Experten des BKA helfen bei den Ermittlungen in Chemnitz.

Über den Kurznachrichtendienst Twitter warnte die Polizei die Bevölkerung vor dem Syrer. “Die Fahndung nach dem Tatverdächtigen läuft”, erklärte sie. “Derzeit wissen wir aber nicht, wo er sich befindet und was er bei sich trägt. Seid vorsichtig.” Das Bundesinnenministerium erklärte, es nehme den Fall ernst. Die zuständigen Behörden stünden in engem Kontakt. Auslöser des Großeinsatzes, an dem zeitweise mehrere hundert Polizisten im Chemnitzer Plattenbau-Viertel “Fritz Heckert” beteiligt waren, war eine Warnung des Bundesverfassungsschutzes.

Unklar blieb zunächst, gegen welches Ziel sich die Anschlagsvorbereitungen richteten. Medienberichte, es sei ein Attentat an einem Flughafen geplant gewesen, wollte Bernhardt nicht bestätigen. Es brauche aber nur geringe Fantasie, um sich vorzustellen, welche Ziele für einen Täter attraktiv seien: Dies seien gewöhnlich öffentliche Orte, kritische Infrastrukturen oder Verkehrsknotenpunkte. Die Polizei werde sich dazu aber erst dann äußern, wenn sie konkrete Fakten habe. Die Bundespolizei verstärkte die Sicherheitsvorkehrungen unter anderem am Berliner Flughafen Schönefeld.

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