January 7, 2019 / 3:22 PM / 4 months ago

Wie Investoren am Transfer-Boom im Fußball verdienen wollen

- von Tom Bergin und Cassell Bryan-Low

Soccer Football - Premier League - Manchester City v Liverpool - Etihad Stadium, Manchester, Britain - January 3, 2019 Manchester City's John Stones clears the ball off the line away from Liverpool's Mohamed Salah REUTERS/Phil Noble EDITORIAL USE ONLY. No use with unauthorized audio, video, data, fixture lists, club/league logos or "live" services. Online in-match use limited to 75 images, no video emulation. No use in betting, games or single club/league/player publications. Please contact your account representative for further details. TPX IMAGES OF THE DAY

London (Reuters) - Das boomende Milliardengeschäft mit dem Profifußball weckt Begehrlichkeiten von Finanzinvestoren.

Besonders große Ambitionen zeigt die chinesische Fosun-Gruppe. Ihre Anfang 2016 verkündete Kooperation mit Europas mächtigstem Spielervermittler Jorge Mendes dient nicht allein dem offiziell ausgerufenen Ziel, den Siegeszug des Fußballs in der Volksrepublik und Sportlerkarrieren zu befördern. Den Partnern geht es vor allem darum, ein Geschäftsimperium zu schmieden, mit dem sie an den explodierenden Transfergeldern in der Branche im großen Stil mitverdienen können. Dabei versuchen sie Hindernisse der Fußballverbände zu umgehen, die Investorenbeteiligungen an Spielern verhindern wollen, wie aus den sogenannten Football Leaks hervorgeht, die dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” vorliegen. Aus dem Dokumentenfundus wertete die Nachrichtenagentur Reuters im Rahmen ihrer Partnerschaft mit dem europäischen Recherche-Netzwerk EIC zahlreiche Mails und interne Präsentationen aus, die im Zusammenhang mit dem Fosun/Mendes-Deal stehen.

Aus Sicht von Branchenkennern ist für Renditejäger ein Einstieg bei Fußballclubs tendenziell nur mäßig attraktiv. Denn viele Vereine kämpfen mit Verlusten. Außerdem sind Mitspracherechte mitunter sehr begrenzt. Das betrifft insbesondere deutsche Clubs. Als deutlich profiträchtiger gilt das prosperierende Geschäft mit Spielerwechseln. Das ist auch der Ansatz des mehr als zehn Milliarden Dollar schweren Fosun-Konglomerats, das in seinem internationalen Portfolio ganz unterschiedliche Firmenbeteiligungen aufweist, vom französischen Touristikunternehmen Club Med über Spitzenimmobilien in New York bis zum Frankfurter Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Der Transfer von Spielern sei der “lukrativste Geschäftsbereich in der Fußball-Branche”, konstatierte ein Fosun-Manager in einer Mail aus dem Jahr 2016.

DER STAR DER SPIELERVERMITTLER

In diesem Feld dürfte sich kaum einer so gut auskennen wie Mendes. Nachdem sich eine eigene Karriere als Spitzenprofi zerschlagen hatte, stieg der Portugiese rasant zum Star der Vermittlerbranche auf. Anfang der 2000er-Jahre nahm er mit Trainer Jose Mourinho und Stürmer Cristiano Ronaldo zwei Landsleute unter Vertrag, die inzwischen zur Weltelite zählen. Fosun kontaktierte Mendes im Oktober 2014 und schlug ihm eine Zusammenarbeit vor. “Das Potenzial ist enorm - meiner Meinung nach”, kommentierte Mendes’ Neffe und Geschäftspartner Luis Correia in einer Mail an seinen Onkel die Vorschläge der Chinesen.

Vor rund drei Jahren präsentierten Mendes und Fosun-Mitgründer Guo Guangchang ihre Partnerschaft vor zahlreichen Fußballprominenten in einem Luxushotel in Shanghai. Guo erwarb gemeinsam mit Partnern 15 Prozent an der Mendes-Holdinggesellschaft Start SGPS, zu der die Vermittlungsagentur Gestifute gehört, für 42 Millionen Euro. Damit wurde die gesamte Holding mit fast 280 Millionen Euro bewertet. Im Jahr 2015 erwirtschaftete Start SGPS einen Nettogewinn von 25,1 Millionen Euro, wie diverse Mails zeigen. Lediglich zehn europäische Fußballclubs erzielten nach Daten des Dachverbandes UEFA höhere Überschüsse.

“AUFBAU EINES UMFASSENDEN GESCHÄFTS-IMPERIUMS”

Fosun zeigte sich begeistert von Gestifutes Geschäftsmodell. “Der Geschäftseinfluss von Mendes übertrifft den gewöhnlicher Vermittler”, heißt es in einer firmeninternen Präsentation aus dem September 2015. “Er kontrolliert derzeit indirekt viele Clubs in großen europäischen Ligen, weil die Clubs und Spieler von seinen Geschäftsmöglichkeiten stark abhängig sind.” Diese Einschätzung ist heikel, denn sie bestätigt die Bedenken von Fans, Funktionären und Politikern. Kritiker fürchten, dass der Einfluss von Investoren dem Fußball schaden könnte, weil damit kleineren Vereinen Geld entzogen und ein fairer sportlicher Wettstreit gefährdet werde. “Fußball ist ein Unterhaltungsgeschäft und sollte kein Finanzgeschäft sein”, mahnt etwa Didier Quillot, Chef des Verbandes der Profiligen in Frankreich.

Weiteren Zündstoff bietet eine interne Fosun-Präsentation aus dem November 2014, die laut Überschrift, den “Aufbau eines umfassenden Fußball-Geschäftsimperiums” skizziert. Darin wird der Plan für eine Organisation vorgestellt, die sich in eine “China-Einheit” und eine “Non-China”-Sparte aufteilt. Zu letzterer sollte demnach Mendes’ Agentur Gestifute gehören. Deren Geschäftstätigkeit besteht der Beschreibung zufolge in der “Beteiligung an Transferrechten von Fußballspielern”. Aus dem Vertrag zum Verkauf des Gestifute-Pakets geht hervor, dass die Agentur bis November 2015 Anteile an 54 Spielern erworben hatte. Darunter befanden sich die beiden brasilianischen Stars Ederson, der derzeit für Manchester City das Tor hütet, und Fabinho, der inzwischen beim Rivalen FC Liverpool unter Vertrag ist.

STREITPUNKT THIRD-PARTY OWNERSHIP

Den internationalen Verbänden sind die sogenannten Besitzanteile von Dritten (“third-party ownership”) ein Dorn im Auge. Wie verbreitet diese Praxis ist, lässt sich nicht ermitteln. Denn es gibt keine öffentlichen Register dafür. Bereits 2012 geißelte die UEFA derartige Besitzverhältnisse als Wettbewerbsverzerrung. Im Mai 2015 untersagte der Weltfußballverband FIFA Clubs wie Spielern, künftig entsprechende Neuverträge mit Investoren einzugehen.

Mendes kritisierte seinerseits das Verbot als “tödlich für den Wettbewerb” und suchte gemeinsam mit Fosun nach Wegen, die neue Regelung zu umgehen. Um sich die Transferrechte an Spielern zu sichern, mussten die Partner also nun selbst Clubs unter ihre Kontrolle bringen. Zu dem angestrebten Netzwerk sollten ferner Fußballakademien in Europa gehören, um dort frühzeitig die Weichen für Spielerkarrieren stellen zu können. Fosun sondierte also den Kauf von Vereinen in Portugal, Italien, England und Spanien, wie zusätzliche Mails zeigen. Im Gespräch war etwa Espanyol Barcelona.

Im Jahr 2016 schlugen die Chinesen dann zu und übernahmen den englischen Club Wolverhampton Wanderers, der nach üppigen Kaderinvestitionen 2018 wieder in die oberste Liga aufstieg. Zur Mannschaft gehören aktuell zahlreiche portugiesische Spieler. Auf der Trainerbank sitzt ein alter Mendes-Vertrauter: Nuno Espirito Santo. Der frühere Torhüter war Mendes’ erster wichtiger Mandat als Spielervermittler. Mendes’ Beziehung zu den “Wolves” wurde nach Kritik aus anderen Vereinen vom Ligaverband EFL untersucht. Dieser kam im April allerdings zu dem Ergebnis, dass keine Regelverstöße vorlägen.

Mendes und Fosun haben ihr Projekt auch nach der “Wolves”-Übernahme vorangetrieben, wie aus weiteren Mails zu erkennen ist. Die Dokumente reichen jedoch nur bis Mitte 2017. Wie es weiterging, ist unklar. Von Fosun, Guo, Mendes und Correia waren keine Stellungnahmen zu erhalten. Ein Anwalt der Mendes-Agentur Gestifute wollte sich nicht äußern. Er erklärte, die Reuters-Anfrage basiere “ganz offensichtlich auf Informationen, die mittels eines kriminellen Hackerangriffs auf privilegierte Daten gewonnen” worden seien.

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